Thrillerkolumne

Thriller ohne Leserstrahlen ist wie Spenser ohne Boston, Behr ohne Indianapolis, Reacher ohne Army, Rain ohne Judo, Parker ohne Plan, Bolitar ohne Win, Forsythe ohne Whisky, McGee ohne Florida, Hank ohne Baseball, Duffy ohne Beemer...

Reacher nach Rezept (4/5)

Lee Child, The Affair (2011)


In Folge 16 der Reacher-Reihe erfahren wir, warum Jack Reacher die Army verließ und sein Leben als, seien wir ehrlich, Landstreicher begann. Wir befinden uns im Jahr 1997 und der smarte Totschläger mit der Lizenz zum Kopfnussverteilen ist noch immer als Militärpolizist bei Onkel Sam angestellt.

Wer andere Teile der Serie gelesen hat, kennt Reachers merkwürdige Eigenarten. Einige davon entwickelt er in diesem Prequel. Er entdeckt, wie es ist, mit dem Bus durchs Land zu fahren. Er will uns glauben machen, dass man keine Zahnpasta braucht oder ein zweites Paar Socken oder anderen Besitz, weil das alles am Ende nur dazu führt, dass man einen Koffer kauft, einen Schrank, ein Haus und einen Garten. Und dann bist du tot. Ums Sterben geht's natürlich auch in dem Auftrag, den Reacher von seinem Vorgesetzten (alter Bekannter: Garber) erhält. Die Mission führt Reacher als eine Art verdeckter Ermittler nach Mississippi.

Im ärmsten aller Südstaaten angekommen, entwickelt sich eine klassische Reacher-Story. Lee Child hat uns die letzten 15 Jahre gekonnt an seinen Schreibstil herangeführt und oft bewiesen, dass er der Meister der lakonischen Dialoge und ausgetüftelten Plots ist. Im ersten Drittel des Buches (nachmittags) hätte ich mich am liebsten genauso weit weggeschmissen wie Reacher es mit seinen Feinden zu tun pflegt. Die Gespräche mit Garber sind Gold wert.

Die Erwartung an die neue Episode hat bestimmt mit dazu beigetragen, dass ich zunächst einige Schwächen ignoriert habe. Keine Frage: Hier haben wir es mit einem klassischen Reacher zu tun. Es ist genauso, wie man es sich wünscht. Aber so ist es auch, wenn man seinen Lieblingskuchen nur einmal im Jahr essen darf. Man freut sich und genießt es. Es ist auch nicht schlimm, dass es immer das gleiche Rezept ist, nach dem der Kuchen gebacken wird. Doch mittlerweile muss sich jeder neue Reacher-Roman mit seinen Vorgängern messen lassen, von denen es zwangsläufig immer mehr gibt. Und da liegt das Problem.

Die Ermittlungen kommen am Anfang nur schleppend voran (abends). Der Kreis der Verdächtigen ist für meinen Geschmack zu klein. Es fehlt, mal wieder, ein richtiger Gegner. Weit und breit ist niemand zu finden, der Reacher vor wirkliche Probleme stellen könnte. Die Morde sind nicht besonders rätselhaft und wirkliche Wendungen sucht man auch vergebens. Noch heute erinnere ich mich an die vertrackten Plots aus "One Shot" (One Shot. (Bantam Press Jack Reacher Novel)) oder die überraschende Wendung in "Gone Tomorrow" (Gone Tomorrow: A Reacher Novel (Jack Reacher Novels)). Es fehlt die große Verschwörung wie in "Nothing to Lose" (Nothing To Lose (Jack Reacher)) und die dramatische Todesart wie in "Running Blind" (Running Blind: A Jack Reacher novel). Deshalb darf es auch diesmal keinen fünften Stern geben (Das hat natürlich nichts mit der Entscheidung zu tun, dass Tom Cruise den Jack Reacher in der Verfilmung spielen wird...).

Im letzten Drittel des Buches (nachts) steht dann schon früh fest, wer der Mörder ist und was sein Motiv war. Kurz vor Schluss (früher Morgen) wird dann der wahre Grund für Reachers Abschied aus der Army offenbart. Als ich "The Affair" morgens zuklappte, wusste ich mehr von Reacher und war einmal mehr Zeuge einiger elaborierter Kopfnüsse geworden. Und natürlich war ich traurig, dass ich jetzt wieder ein Jahr auf den nächsten Teil warten muss. 

  • Plot: Besser als die beiden Vorgänger. (4/5)
  • Action: Kurz und schmerzvoll (4/5)
  • Spannung: (4/5)
  • Charaktere: Reacher, Garber, Deveraux (5/5)
  • Humor: Grob und schwarz (5/5)
  • PASCH: (4/5)

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Lee Child, The Affair.
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Delacorte Press (27. September 2011)
ISBN-10: 0385344325


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