Thrillerkolumne

Thriller ohne Leserstrahlen ist wie Spenser ohne Boston, Behr ohne Indianapolis, Reacher ohne Army, Rain ohne Judo, Parker ohne Plan, Bolitar ohne Win, Forsythe ohne Whisky, McGee ohne Florida, Hank ohne Baseball, Duffy ohne Beemer...

Child, Never Go Back (5/5)

Romeo und Julia und Reacher


Herbst. Wie jeder weiß, hat diese Jahreszeit ungefähr 400 schöne Seiten. Denn immer im Herbst kommt Reacher. Und wenn Reacher kommt, fallen statt der Blätter Schurken. In „Never Go Back“ gelangt Reacher endlich, endlich, endlich ans Ziel seiner vier Romane dauernden Reise nach Virginia. Hier möchte er Major Susan Turner persönlich treffen. Weil seine Nachfolgerin als Kommandeurin der 110. ihm am Telefon so sympathisch war, hat Reacher keine Mühe gescheut, um den Weg von South Dakota nach Virginia zurückzulegen. Klingt wie die Überschrift nach Liebe, hat aber viel mehr zu bieten, gerade im Gewaltbereich.

Wäre Reachers Flirtmission nicht sowieso mit erheblichen Hindernissen verbunden und würde Reacher diese Hindernisse wie gewohnt mit dem Taktgefühl und der Sensibilität einer Herde Büffel begegnen, wäre Lee Child nicht der Boss im Thrillerbiz. Leider gehört es zu Childs Stärken, alle 30 Seiten eine neue Überraschung explodieren zu lassen. Das macht es schwer, nicht zu spoilern. Was gesagt werden kann, ist dies:

  • keine Überraschung an der Kopfnussfront
  • nichts Ungewohntes im Bettsportsegment
  • große Verblüffung innerhalb der ersten drei Kapitel
  • zahlreiche Hillbillys

„Never Go Back“ ist gewohnt gut konstruiert. Leider gehört dazu seit einigen Episoden auch, dass das Ende hinter dem zurückbleibt, was Child noch vor ein paar Jahren abgeliefert hat. Dafür treibt er Reachers Entwicklung hier ein gutes Stück voran und offenbart auch wieder etwas aus der Geschichte des Riesen.


Nach zwei Dritteln der Story war ich sicher, dass sie ein Auf innerhalb der Reihe darstellt. Die Zutaten sind alle da. Zwar ist die Enttäuschung, die das Ende birgt, nicht groß und weltbewegend. Aber sie ist da. Das eigentlich Große an der 2013er Version von Reachers Reise ist, dass Child sie schon zum x-ten Mal erzählt, sich kaum wiederholt (okay, ein Kniff war, dass Turner seine Akte bereits kannte) und immer wieder neue Bilder verwendet und der Geschichte jedes Mal eine neue Nuance gibt. Ein Motto, das sich diese Mal durch das Buch zieht, ist das der fünfzigprozentigen Chance. Seine Möglichkeiten vergleicht „no middle name“, wie Kenner ihn nennen, an mehreren Stellen mit der Chancenverteilung beim Münzwurf. Doch noch bevor man sich darafu einlassen kann, fällt einem ein: „Dies ist das mathematische Element, das in noch keinem Teil der Serie fehlte, ich hab’s durchschaut.“ Und das ist nur spaßfördernd, wenn es die Geheimnisse im Plot betrifft und nicht die Methoden des Autors.

Wenn Childs Romane irgendwann mal alle geschrieben sind und sich Forscher mit ihnen so pedantisch auseinandersetzen wie Reacher mit seinen Fällen, werden sie merken, dass es eigentlich immer nur ein Roman war. Nur eben immer anders erzählt.
  • Plot: (3/5)
  • Action: (4/5)
  • Spannung: (5/5)
  • Charaktere: (4/5)
  • Humor: (5/5)
  • PASCH: (5/5)

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Lee Child, Never Go Back
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten 
Verlag: Delacorte Press (2013)

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