Thrillerkolumne

Thriller ohne Leserstrahlen ist wie Spenser ohne Boston, Behr ohne Indianapolis, Reacher ohne Army, Rain ohne Judo, Parker ohne Plan, Bolitar ohne Win, Forsythe ohne Whisky, McGee ohne Florida, Hank ohne Baseball, Duffy ohne Beemer...

Nice! Will. (4/5)

Carsten Stroud, Niceville (2012)

Niceville. Das ist ein typisches kleines Städtchen im tiefen Süden der USA. Typisch? Eigentlich nur, wenn man nicht genauer hinschaut. Seit vielen Jahren verschwinden hier überdurchschnittlich viele Menschen spurlos. Die Geschichte beginnt damit, dass ein kleiner Junge quasi vom Erdboden verschluckt wird. Wenige Seiten später kommt es zu einem äußerst blutigen Ende einer Verfolgungsjagd, bei der eine Gruppe von Bankräubern ihren Häschern entkommt. Mittlerweile lässt ein perverser Misanthrop seinen Frust solange an Schwächeren aus, bis er sich mit den Falschen anlegt.

Wem das noch nicht genug Geschichten in einem Buch sind, der kann sich auf Byron Deitz und seine Verstrickungen mit den Chinesen freuen. Deitz ist außerdem verschwägert mit dem wichtigsten Ermittler im Falle des eingangs verschwundenen Jungen. Dieser Junge taucht eines Tages an einem recht obskuren Ort wieder auf und befeuert damit erneut die dunkle Legende des Fluchs, der auf dem kleinen Städtchen liegen soll und vor dem selbst die Indianer nicht sicher waren noch sicher sind.

Dass dies alles funktioniert, ist dem großen handwerklichen Geschick Strouds geschuldet. Die Kapitelüberschriften, die angenehmen, abwechselnden Längen der Kapitel ergänzen die große Stärke des Romans: seine Charaktere. LESERSTRAHLEN hat lange nicht mehr so viele harte Männer und so gute Schurken erlebt. Nimm dir ein Beispiel, Barry Eisler!

Wo so viel Licht scheint, da ist doch sicher auch Schatten zu finden, oder? Leider ja. Der Roman schwächelt an seiner gruseligen Flanke. Denn immer dann, wenn der Horror wichtig wird, kommt es doch wieder zu ganz banaler Action, die so gar nicht im Reich der Toten spielt. Und, entre nous, richtig gegruselt hat’s mich nicht. Joe Hill hat die Verbindung aus starken Charakteren mit guter Story und funktionierendem Plot mit seinem Roman Blind deutlich besser verwirklicht. Wem aber ein bisschen Horror, übernatürliche Sequenzen und Unerklärliches nicht den Spaß an knochentrockner Action vermiesen, dem sei in diesem Sommer ein Ausflug nach Niceville wärmstens ans Herz gelegt.

Ach ja, zwar deutet im Roman nichts darauf hin, dass die Geschichte noch weitergeht. Anscheinend soll Niceville aber der Auftakt einer Trilogie gewesen sein.

  • Plot: Gut: Storys getrennt aber zusammenhängend; angenehme Kapitellängen und -strukturen; die Mischung aus Action und Horror funktioniert; Schlecht: das Ende: (3/5)
  • Action: Sniper, Duelle, Verfolgungsjagden, Erscheinungen (4/5) 
  • Spannung: Das gewagte Experiment, Horror und Action zu mischen, funktioniert erstaunlich gut. (4/5)
  • Charaktere: Volltreffer: Byron Deitz, Coker, Danziger, Merle Zane: Nicht nur die Namen bleiben hängen. (5/5)
  • Humor: Die Stärke von Stroud ist der lakonische Kommentar und der trockene Humor seiner harten Jungs. Am lustigsten sind die Erlebnisse des Perverslings (nomen est omen) Bock (4/5)
  • PASCH: (4/5)

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Carsten Stroud, Niceville.
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Knopf (12. Juni 2012)
ISBN-10: 030770095X


http://violininavoid.files.wordpress.com/2012/06/niceville-by-carsten-stroud.jpg?w=201&h=300

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