Thrillerkolumne

Thriller ohne Leserstrahlen ist wie Spenser ohne Boston, Behr ohne Indianapolis, Reacher ohne Army, Rain ohne Judo, Parker ohne Plan, Bolitar ohne Win, Forsythe ohne Whisky, McGee ohne Florida, Hank ohne Baseball, Duffy ohne Beemer...

WINSLOW, The Cartel (5/5) LESEN

"Hart an der Grenze"
Don Winslows Fortsetzung zum Erfolgsthriller "The Power of the Dog" ist grausam. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre und deckt den bis dato gewaltsamsten und entsetzlichsten Teil des Drogenkrieges in Mexiko ab. Der verhärmte Drogenfahnder/Kreuzritter Arthur "Art" Keller tritt noch immer gegen den Jefe de jefes, den Boss der Bosse, den Patron Adán Barrera an. Dessen Sinaloa-Kartell liegt mit mehreren Feinden im Clinch, die wiederum ihrerseits der mexikanischen Gesellschaft einen fürchterlichen Krieg erklärt haben.


Der Roman "The Cartel" beschreibt den Krieg gegen die Drogen in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, der längst zu einer jahrzehntelangen Schlacht geworden ist. An der Grenze zu den USA tobt mittlerweile ein Schlachtfest, um den besten Zugang zu dieser Grenze. Winslow knüpft mit der Geschichte nicht nur personell an den Vorgänger an. Auch die Hintergründe und grundlegenden Kräfte sind noch immer die gleichen. Die mexikanischen Kartelle verfügen nunmehr über einen
unermesslichen Reichtum. Nicht etwa, weil sie die meisten Drogen produzieren, sondern weil sie die Logistik und die Grenze zum größten Abnehmer dieser Drogen kontrollieren.

Hart an der Grenze

Das nordamerikanische Freihandelsabkommen hat an der nicht zu kontrollierenden Grenze endgültig die Schleusen für den nur unwesentlich eingeschränkten Drogenschmuggel geöffnet. Wer das Territorium der mexikanischen Gangster durchqueren und sich das Wohlwollen der allesamt geschmierten Zollbeamten verdienen möchte, zahlt einen Abschlag an den jeweiligen Herren des Gebiets. Der sogenannte piso tut dem Produzenten nicht weh: ein Kilo kolumbianisches Kokain ist auf den Diskotoiletten New Yorks das Fünffache, in Europa gar das Zehnfache, des Einkaufspreises wert. Mit den eigentlichen Drogen kommen die Bosse der Gebiete, plazas, nie in Kontakt. Doch trotzdem jagt sie der unerbittliche Art Keller. Nach kurzer Auszeit im Kloster findet "Killer" Keller den Weg zurück zur Hatz auf Barrera. Dieser machiavellische Kartellfürst sammelt seine Truppen und zieht seine Fäden, um der stärker werdenden Konkurrenz die verlorenen Gebiete erneut abspenstig zu machen.

Die Gegner, manchmal sind es temporär auch die Verbündeten, Barreras sind gut gerüstet. Die Zetas, eine Truppe ehemaliger Soldaten, die mit zunehmenden Verlusten auch Kinder rekrutieren, erweisen sich als Krebsgeschwür der Brutalität. Ohne Gnade beschreibt Winslow die Mordeskapaden und Folterexzesse der psychopathischen Narcos. Die Erschießung einer Gruppe wehrloser Zivilisten, die
im ersten Teil einen Höhepunkt der Gewalt darstellte, nimmt sich im zweiten Teil possierlich aus. Hier werden Männer, Frauen und Kinder gehäutet, geköpft, gefoltert, geschnitten, vergewaltigt, verstümmelt und verbrannt. Ohne Gnade zeigt Winslow die Bilder, über die eine eingeschüchterte Presse in Mexiko nur noch statistisch berichten durfte. Die ständig auf alle einprügelnde Sinnlosigkeit der Widerwehr frustriert beim Lesen. Dass das alles auch noch als dokumentarisch daherkommt (Winslow verbrachte sechs Jahre mit der Recherche) macht die Lektüre fast unerträglich. Dass  es Winslow trotzdem schafft eine Geschichte rund um die wahren Ereignisse zu spinnen, ist fast genauso beeindruckend. Sie fällt gegenüber der Wirklichkeit ab, gerät aber nicht aus den Augen – das wahre Kunststück dieses eindrücklichen Thrillers.

Der moderne Pate

"The Cartel" ist die zeitgenössische Version von Mario Puzos "The Godfather". Der Wirtschaftsfaktor, den die Kartelle mittlerweile für die beiden Gesellschaften auf beiden Seiten des Rio Bravo ausmachen, ist beachtlich. Der Einfluss der wirklichen Kartellfürsten ist weder Ammenmärchen noch Hirngespinst. Auch seriöse Magazine wie Forbes bescheinigten dem Vorbild Adán Barreras, "El Chapo" Guzman, einen Rang unter den 50 einflussreichsten Menschen der Welt – vor dem Präsidenten Frankreichs. Er entkam vor wenigen Monaten zum zweiten Mal aus der Haft.

Bewertung

Plot: Kabale und keine Liebe (5/5)
Action: Satt (5/5)
Spannung: Wann erwischt Jesus the kid…? (5/5)
Charaktere: Crazy Eddie Ruiz aka Narco Polo (5/5)
Humor: Tiefschwarz, verzweifelt und comic reliefs (5/5)

PASCH: 5/5

Weitere Besprechungen

Spiegel Online

New York Times